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WisdomTree Europe : Update zur Politik in Japan: Erst politische Belange, dann die Wirtschaft

Ich besuchte vor kurzem den Amtssitz des japanischen Premierministers und traf dort mit mehreren ranghohen Entscheidungsträgern zusammen, um aus erster Hand zu erfahren, wie es nun weitergeht, da die Popularität von Premier Abe auf 35%-40% gesunken ist (von 50%-60% vor sechs Monaten).1…

 
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Autor  Jesper Koll, CEO von WisdomTree Japan

Für Anleger lautet meine wichtigste Schlussfolgerung aus diesem Treffen, dass das strukturelle Bullenszenario für Japan intakt bleibt angesichts der entschiedenen Ausrichtung der Regierung auf eine wachstumsfreundliche Politik, die im Rahmen der Debatte um den Haushalt des kommenden Jahres und wirtschaftspolitische Maßnahmen im September und Oktober wieder in den Mittelpunkt des Interesses rücken dürfte.

Aus taktischer Sicht müssen bis dahin noch zahlreiche unliebsame politische Hürden genommen werden, und die Entourage des Premierministers erwartet daher einen weiteren Rückgang der Umfragewerte.

Innenpolitik im Mittelpunkt

Im Einzelnen stehen in Japan während der kommenden Monate die folgenden vornehmlich innenpolitischen Themen auf der Agenda:

27. Juli: Das Oberhaus beginnt seine Beratungen über Revisionen der Verteidigungs- und Sicherheitsgesetzentwürfe. Mit einer Zweidrittelmehrheit hatte das Unterhaus den Vorlagen zugestimmt, die damit Mitte August automatisch in Kraft treten. Regierungschef Abe muss jedoch die Medienberichterstattung zu diesem unpopulären Thema ständig steuern.

3.-5. August: Vermutliche Entscheidung über das Freihandelsabkommen TTP. Premier Abe und die Mehrheit seiner regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) sprechen sich klar für Zollsenkungen und eine Deregulierung der Agrarpolitik aus. Eine kleine Minderheit protektionistischer Politiker der alten Schule wird ihre Stimme jedoch gewiss dagegen erheben. Der damit verbundene Medienrummel dürfte Abes Beliebtheit zusätzlich belasten, obwohl die Entscheidung in dieser

Angelegenheit bereits gefallen ist.

10. August: Mögliche Wiederinbetriebnahme des ersten AKW (derzeit sind alle Reaktoren wegen Sicherheitsbedenken nach Fukushima abgeschaltet). Wie die Verteidigungs- und Sicherheitsgesetze ist auch der Wiedereinstieg in die Atomkraft unpopulär. Im Amt des Premierministers rechnet man mit großen Demonstrationen, sollte das AKW wie geplant hochgefahren werden.

15. August: 70. Jahrestag der japanischen Kapitulation. Der Fokus gilt hier der Rede des Premier und der Reaktion der Nachbarländer auf das vom ihm geäußerte Maß an Entschuldigung.

Mitte September: Wahl des Parteivorsitzenden der LDP. Die Wahl des Parteichefs findet alle drei Jahre statt und dessen Amtszeit ist auf zwei Amtsperioden beschränkt. Shinzo Abe wurde im September 2012 Parteivorsitzender, nachdem er sich gegen fünf Kandidaten durchgesetzt hatte. Meine Gesprächspartner halten es für sehr unwahrscheinlich, dass Abe bei der anstehenden Wahl herausgefordert wird. Für Anleger wäre Abes einstimmige Wiederwahl selbstverständlich ein deutliches Signal, dem Land mit Blick auf dessen politische Stabilität und Beständigkeit weiterhin ihr Vertrauen zu schenken.

Aus Anlegersicht deuten die unmittelbaren Aussichten für die innen- und wirtschaftspolitische Agenda Japans kurzfristig auf ein leicht uneinheitliches Risikoprofil hin: Bis Ende August bzw. Mitte September werden vorwiegend innenpolitische Belange das Geschehen dominieren. Wirtschaftspolitische Maßnahmen werden wohl erst wieder ab Ende September oder Anfang Oktober Schlagzeilen machen.

Die wachstumsfreundlichen Rahmenbedingungen bleiben intakt

Ich bin nach diesen Treffen weiterhin fest davon überzeugt, dass Abes wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik volle Unterstützung findet und eine zentrale Rolle spielen wird. Vor allem gestanden alle Entscheidungsträger ein, dass die jüngsten Kurseinbrüche japanischer Aktien2 wegen der Risikoaversion am Markt nicht nur der Krise in Griechenland und China, sondern teilweise auch Abes sinkenden Zustimmungswerten geschuldet sind. Diese Aufrichtigkeit ist sehr ermutigend.

Grundsätzlich wissen Abes politische Berater, dass positive Wohlstandseffekte durch den Aktien- und den Immobilienmarkt Grundvoraussetzung für einen echten Aufschwung des Landes sind. Meines Erachtens wird der Beginn der finanz- und steuerpolitischen Debatte um den Haushalt 2016/17 die investitions- und risikofreundliche Vermögenspolitik wieder bekräftigen.

Konkrete Vorschläge dürften diesbezüglich Ende September oder Anfang Oktober vorgelegt werden.Greifbare Schritte könnten besondere Steuermaßnahmen darstellen, möglicherweise eine erneute Fokussierung auf den schnelleren generationsübergreifenden Transfer von

Haushaltsvermögen von Alt zu Jung, also von Ruheständlern an ausgabefreudigere junge Konsumenten.

1 Quelle: Robin Harding, “Shinzo Abe’s Approval Ratings Fall to New Low,” Financial Times, 15/06/2015

2 Japanische Aktien: Bezieht sich auf den Tiefstand des Tokyo Stock Price Index (TOPIX) vom 08/07/2015; Quelle: Bloomberg

Sämtliche Daten stammen von WisdomTree Europe und Bloomberg, sofern nicht anders angegeben.

Quelle: ETFWorld.de

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